Cultural & Business Guide

Eine Fabriksbesichtigung

Introduction

Wenn Vertreter europäischer Unternehmen in die weltgrößte Produktionsbasis China kommen, geschieht das aus zwei Gründen: um ihre Produktionslinien komplett auszulagern oder um bessere Preise und Qualität bei Teillieferungen an die bestehenden Produktionslinien zu verhandeln.

Betrachtet man diese Auslagerung der Produktion gewissermaßen als eine "Weitergabe der Fackel", ist es verständlich, warum man Fabriksbesichtigungen machen sollte; auf diese Weise werden die Produktionsstätten Ihres chinesischen Geschäftspartnern erfolgreich in Ihre Produktionslinie aufgenommen.

Ziele einer Fabriksbesichtigung

Eine Fabriksbesichtigung muss auch eine tatsächliche Besichtigung beinhalten. Nehmen Sie sich Zeit, um sich die Produktionsstätte genau anzuschauen. Wenn Ihr chinesischer Geschäftspartner das erlaubt, fotografieren Sie alles ab, was Sie interessant finden. Meistens ist es erlaubt, Gegenstände anzufassen oder aufzuheben, und wenn Ihnen etwas verdächtig vorkommt, fragen Sie ruhig nach.

Es braucht Zeit, um die notwendigen Informationen zu sammeln, laufen Sie also noch eine Runde durch die Fabrik, falls nötig. Bleiben Sie so lange da, bis Sie alles wissen, was Sie zu wissen brauchen. Besprechen sie mit dem Produktionsleiter allgemeine Fragen wie falsche Formen, verunreinigte Produkte, beschädigte Verpackungen, verspätete Lieferungen usw. Wenn Sie sich gleich die Zeit für diese Fragen nehmen, sparen Sie langfristig Zeit und Energie.

Ein weiterer Grund für eine Fabriksbesichtigung ist es, Gründe für eine Preissenkung zu finden. Sie müssen keine Details dazu geben; Hauptsache, Sie finden welche, denn um die Chinesen von dem genannten Preis abzubringen, brauche Sie gute Gründe. Manchmal funktionieren jedoch absurde Begründungen ebenso wie die echten: Sie können z. B. sagen, ein anderer potenzieller Lieferant habe Ihnen einen Rabatt von 20% eingeräumt.

Machen Sie sich ein Bild von dem Produktionsverfahren, den Kosten, der Zeit, der Lieferung, dem Personal, den Mangeln, dem Backup-Plan usw. Sie sollten Ihren Geschäftspartner in- und auswendig kennen; je besser Sie mit seinen Gewonheiten, Strategien und Haltungen vertraut sind, desto besser können Sie verhandeln oder potentielle Konflikte lösen.

Beachten Sie die Möglichkeiten der chinesischen Lieferanten

Auch für Ihre chinesischen Lieferanten gibt es Grenzen: finanzielle, materielle, emotionale. Sie verfügen nur über eine begrenzte Anzahl an Mitarbeitern und Räumlichkeiten und haben auch nicht unendlich Zeit und Geld. Ungeachtet der Gewinne, die Sie sich aus der künftigen Zusammenarbeit erhoffen, sollten Sie sich darauf gefasst machen, das die Realität, die tatsächliche Ausführung des Vertrags, weniger rosig sein wird. Am Ende der Besichtigung werden Sie sich vielleicht ärgern, dass Ihr Lieferant die Preise einfach nicht senken will, doch es kann sein, dass er die Standarde, die Sie gefordert haben, nun mal wirklich nicht einhalten kann. Akzeptieren Sie das und kommen Sie den finanziellen und materiellen Möglichkeiten Ihres Partners entgegen. Vergewissern Sie sich am besten selbst bei der Besichtigung der Produktionsstätte; stoppen Sie die Produktionszeit, um ein besseres Verständnis für die Kapazität der Produktionslinie zu entwickeln.

Während einer Fabriksbesichtigung können Sie auch beobachten, ob die Qualitätskontroll- und die Verpackungsabteilung auch alle Produkte genau kontrollieren (eine abschließende Qualitätskontrolle an 100% der Produktionsmenge durchführen) und ob sie bei der Aussortierung von minderwertigen Exemplaren effektiv vorgehen. Es gibt genug Gründe, warum die abschließende Qualitätskontrolle sich häufig als nicht effektiv genug erweist.

Ein möglicher Grund ist, dass der Kontrolleur die Produkte nur visuell prüft, und zwar nur Stichproben und nicht die gesamte Charge. Auf diese Weise werden viele Fehler übersehen.

Fabrikinterne Kontrolleure sind häufig nicht gut genug ausgebildet für ihren Job und kennen die Produkte auch kaum. Außerdem kontrollieren sie die Produkte noch vor dem Verpacken, viele Mängel entstehen jedoch erst durch schlechte Verpackung. Zudem gilt für Kontrolleure der gleiche Arbeitstag wie für andere Mitarbeiter: mindestens 6 Tage pro Woche, ca. 10 Stunden pro Tag. Noch schlimmer wird es, wenn es schnell gehen muss und sie gezwungen werden, so lange zu arbeiten, "bis der Job erledigt ist". Solche Arbeitsbedingungen sind für Qualitätskontrolle nicht gerade förderlich. Zudem schicken die Kontrolleure die Produkte viel lieber weiter zum Verpacken als zurück zur Reparatur.

Viele chinesische Hersteller haben angefangen, ihre Produktionsverfahren zu standardisieren, doch sie haben es nicht geschafft, die westlichen Sicherheits- und Umweltschutzstandarde einzuhalten. Heutzutage versuchen viele Firmen, höhere Standarde einzuführen als es das chinesische Gesetz vorsieht, und sie bewerben sich um Qualitätsmanagement-Zertifikate, insbesondere ISO9001 und ISO14001, da die Kosten für die Firma deutlich höher ausfallen würden, wenn es zu ernsthaften Sicherheits- oder Umweltproblemen käme. Ein Unternehmen sollte nicht darauf abzielen, kurzfristigen Gewinn auf Kosten seines langfristigen Images zu erzielen. Das bedeutet nicht, dass Ihre Qualitätskontrollstandarde zu streng sind (obwohl eine höhere Nummer an aussortierten Produkten natürlich auch höhere Kosten für die Fabrik bedeutet).

Nach der Besichtigung: das letzte Ziel

Es ist eine gute Idee, das Ingenieurteam nach alternativen, günstigeren Produktionsmöglichkeiten zu fragen. Ingenieure machen sich selten Gedanken über geschäftliche Strategien, eher über das Produktionsverfahren.

Wenn sowohl Sie, wie auch Ihr chinesischer Partner mehr auf das Ingenieurwesen bedacht sind, bildet das die Grundlage für eine perfekte Zusammenarbeit: gemeinsam schaffen Sie die teuren Elemente Ihrer neuen Produkte ab und reduzieren so die Kosten, die Sie beide tragen.

Der Zweck heiligt die Mittel. Ihr Ziel ist es, das Problem zu lösen, korrekte Produktionsabläufe zu gewährleisten und ein vollendetes Qualitätsprodukt abzuliefern. Wer interessiert sich schon dafür, dass es nicht auf dieselbe Art und Weise erfolgt wie in Ihrer Heimat. Sie sollten in das Produktionsverfahren bis zur Qualitätskontrolle nicht eingreifen. Lassen Sie die Chinesen es auf ihre Art und Weise machen. In der westlichen Welt ist Zeit zwar Geld, doch in China können Sie sich diese Zeit (und Arbeit) leisten; die meisten Fabriken würden eher etwas mehr Zeit und Arbeit aufwenden, um ein Problem zu lösen, als zusätzliche Materialien und Technologien - darin unterscheidet sich das chinesische Verständnis von Effektivität von dem europäischen. Die Chinesen gehen zwar anders vor, doch sie erreichen meistens die gewünschten Ziele. Übernehmen Sie die Qualitätskontrolle und lassen Sie sie alles andere machen.

Das oberste Ziel ist es, die Qualität und die Geschäftsabläufe in der Produktionsstätte Ihres Geschäftspartners zu optimieren. Dazu eignen sich Qualitätsprüfungen vor Ort sehr gut; besuchen Sie auch die Firmen, von denen Sie Ihre Produktions- und Verpackungsmaterialien beziehen und prüfen Sie die Qualität an ihren Produktionsstätten, an allen Standorten.

Um es zusammenzufassen: konzentrieren Sie sich auf Ihre Ziele (Standarde und Marktposition) und ziehen Sie es durch! Vergessen Sie jedoch nicht, dass die Zusammenarbeit auch zu Ihren Zielen gehört, und lassen Sie Ihre chinesischen Geschäftspartner die gewünschten Ergebnisse auch auf ihre eigene Art und Weise erzielen.

Bibliography

ISO Codes retrieved from: http://www.chinalawblog.com/2011/08/china_quality_control_qc.html

Mr. Cesare Romiti, President of the Foundation Italy China, his phone interview with China Daily International Edition on the 11th of June, 2015.

Harney Alexandra, “The China price : the true cost of Chinese competitive advantage”, New York : London : Penguin ; 2009.

Midler Paul, “Poorly made in China: an insider's account of the tactics behind China's production game”, Hoboken, N.J.: Wiley, 2009.

External links

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